Die Angst vor den Fahnen
Als im Sommer 2006 Bilder von schwarz-rot-goldenen Fahnenmeeren durch die unterschiedlichsten TV-Stationen der Welt gingen, traute manch einer seinen Augen nicht mehr. Die Euphorie der alle vier Jahre stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft ließ große Teile der Bevölkerung zu leidenschaftlichen Patrioten werden. Das Volk war glücklich und spürte Gemeinschaft.
Das plötzliche „Flagge bekennen“ war bis dahin weitgehend unbekannt. In anderen Ländern mochte das bunte Treiben in den Städten als eine überdurchschnittliche Ausprägung des Nationalgefühls gelten, in Deutschland, 61. Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, galt es erst einmal, die vergrämte Nation aufzurütteln. Und das nicht nur durch kleine Fähnchen an den Autos.
Vier Jahre danach – die Fußballspiele finden tausende Kilometer weiter südlich in Südafrika statt – ist das Bild ähnlich. Fans und feierlustige Mitläufer jubeln auf der Berliner Fan-Meile entlang der Siegessäule der deutschen Elf über Großbildleinwände zu. Dazu populäre Musik und immer wieder deutsche Hymnen. Zwar wird die Millionen-Besuchergrenze kaum erreicht werden, etliche Hunderttausend sind es dennoch. Bei uns in Österreich hingegen mag kaum eine WM-Stimmung aufkommen. Auf den Public-Viewing-Plätzen sind Fans mit der Lupe zu suchen. Das mag daran liegen, dass Österreich bei der WM nicht vertreten ist und uns daher die Identifikation fehlt.
Doch auch den Deutschen versucht man die Stimmung zu vermiesen. Linke und Grüne beschwören in der Welle des Patriotismus schon wieder düstere Theorien herauf. So viel Patriotismus könne sich eben schnell in Nationalismus umschwenken, heißt es. Der Autor eines großen Nachrichtenmagazins merkte an, dass es sich bei den Autobesitzern, die ihr Fahrzeug mit der Deutschlandfahne schmückten, nicht gerade um Geistesleuchten handle. Und die Antifa ruft über ihre zahlreichen Internetseiten zu einer besonderen Aktion auf. Am Tag des Vorrunden-Endes der deutschen Nationalmannschaft soll Schluss sein mit dem „ewigen Nationalisten-Scheiß“. Bundesweit sollen die Nationalfahnen demontiert werden. „Lieber Autofahrer, entschuldigen Sie bitte, dass wir Ihre Deutschlandfahne abgeknickt haben…“, prangt in großen Lettern auf einem Flugzettel.
Das sind sie also die Miesepeter, die das zart aufkeimende Pflänzchen des Patriotismus gleich wieder mit der Breitseite einer Schaufel kaputtmachen wollen. Doch das Bild des zumindest temporären Fahnenschwenkers geht weit über Dosenbier und Vuvuzela-Getröte hinaus. 90 Prozent der jungen Leute unter 30 Jahren waren stolz darauf, wie sich ihr Land bei der WM präsentierte. Die neu entfachte Überzeugung über viele Stärken zu verfügen, brachte dem sonst eher unpatriotischen Volk wieder Rückenwind in der Wirtschaftskrise. Der neu erwachte Patriotismus könne bei der Lösung ökonomischer und sozialer Probleme helfen, attestierten einige Wissenschafter.
Trotz mehr oder weniger heftiger Einwände in der mit Begriffen wie Patriotismus und Nationalgefühl leichtfertig umgehenden Debatte der Linkslandschaft, wird die Euphorie der Fußballweltmeisterschaft nachhaltig wirken. Deutsche mit deutschen Fahnen – ein Anblick an den sich die Linken zumindest alle vier Jahre reiben werden. Schade, dass Österreichs Nationalteam dazu keinen Beitrag leistet. Unserem Land würde es gut tun. Die Linken wird’s jedenfalls sehr freuen.





