Die falsche Meinung ist nicht frei
Das Verhältnis zwischen der heimischen Bevölkerung und Zuwanderern aus dem islamischen Raum ist angespannt. Aktuelle Zahlen einer IMAS-Umfrage ergeben, dass 54 Prozent im Islam eine Bedrohung für den Westen sehen. 59 Prozent sind eher gegen den Bau von Minaretten. Und gar 71 Prozent sind davon überzeugt, dass der Islam mit unseren Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht vereinbar ist.
Die Ergebnisse vermögen nur jene zu erstaunen, die tatsächlich geglaubt haben, die Minarett-Abstimmung in der Schweiz sei ein einmaliger Betriebsunfall gewesen. Auch unter den Beschwichtigern und Schönrednern in den Regierungsparteien werden das die Wenigsten sein. Bemerkenswert an der Studie ist eher, wie deutlich die befragten Bürger jenen die Rechnung präsentiert haben, die glauben, das Volk mit aggressivem Gutmenschentum einlullen und widerstandslos machen zu können. Ganze 44 Prozent gaben nämlich an, sie fühlten sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt. 24 Prozent – gegenüber nur 14 vor drei Jahren – meinten, man könne nicht ohne Scheu offen reden, wie man über politische, geschichtliche und kulturelle Dinge denkt. Weitere 20 Prozent empfinden dies zumindest bei einzelnen Problemen so.
 Ausgehend von diesen Daten begeht „Die Presse“ als Transporteurin der Studie den größten anzunehmenden Denkfehler. Wenn die Meinungsfreiheit in Gefahr ist, liegt das für sie nicht etwa an denjenigen, die sie einschränken oder zumindest den Eindruck erwecken, dies zu tun – nein: Es liegt daran, dass sie Menschen einfach die falsche Meinung haben, die ihnen in schändlicher Art von bösen Demagogen vorgesagt wird, welche – so Erich Kocina – hierzulande ähnlich erfolgreiche Arbeit geleistet hätten wie bei den Eidgenossen. Damit spricht er das Volk von der Fähigkeit des selbständigen Denkens frei und schafft zusätzliche Rechtfertigung für weitere konsequente Meinungsmache „gegen Rechts“. Der unausgesprochene Fehlschluss des Redakteurs: Wenn man den Druck entsprechend erhöht, werden die 59 Prozent Minarett-Gegner irgendwann merken, dass die falsch liegen. Dass sich dadurch aber ganz im Gegenteil noch jener Prozentsatz erhöhen könnte, der die Meinungsfreiheit gefährdet sieht, kommt ihm nicht in den Sinn.
 Im Schlusssatz seiner moralinsauren Kolumne bringt Kocina das Problem dann zum logischen Ende: Verantwortlich für diese verheerende Anti-Islam-Stimmung ist der derzeitige Trend, dem Volk nach dem Schnabel zu regieren. An dieser Stelle gliedere ich mich ein in das Heer jener 44 Prozent der Österreicher, die zu manchem Thema lieber nicht sagen, was sie sich denken. Sie alle weiß ich in der Beurteilung dieser Berichterstattung auf meiner Seite.





